Blickpunkt Schildesche

Direkt zum Seiteninhalt
Sofagespräch mit Christian Wolf
Musik & Emotionen
Hochsommerliche Temperaturen schon morgens um 10 inmitten von Schildesche. Sonja Heckmann und Oliver Klingelberg haben auf trockenes Wetter für das erste Open-Air Gespräch auf dem roten Sofa gehofft, jetzt scheint es fast zu warm zu werden. Aber es kommen im Verlauf der Veranstaltung immer mehr Interessierte vorbei, die spontan stehen bleiben und zuhören – im Schatten der Bäume.
Die Moderatorin, Bettina Wittemeier von Radio Bielefeld, eröffnet das Gespräch mit Christian Wolf mit einer Frage nach seinem Musikgeschäft. Christian Wolf: „Hier waren vorher zwei Geschäfte, ein Modeladen und ein Laden für Wolle etc.. Meine Frau strickt gerne und bei einem gemeinsamen Einkaufsbummel machten wir in dem Woll-Laden Station. Da war bereits erkennbar, dass das Modegeschäft in Auflösung war und spontan kam der Gedanke, dies könnte doch auch ein tolles Musikgeschäft werden. Der Gedanke setzte sich fest und ich besuchte daraufhin so etwas wie einen Selbständigkeitskurs bei der IHK. Dort traf ich auf eine Sparkassenmitarbeiterin, die ich schon kannte und mit ihrer und der Hilfe der Sparkasse konnte ich die Idee des eigenen Musikgeschäftes überraschend schnell realisieren. Jetzt steht das 5-jährige Jubiläum an, das wir kommenden Sonnabend hier feiern, gerne auch draußen und gerne auch bei solch tollem Sonnenschein.“
Christian Wolf stammt aus einer sehr musikalischen Familie: schon der Vater spielte in einem Orchester, die Schwester leitet inzwischen ein Orchester in Siena und die gesamte Familie ist eine Zeit lang, quasi als hiesige Ausgabe der Kelly-Family, durch die Lande getourt, die Mutter am Schlagzeug. Nach einem Umweg über die Klarinette kommt Christian Wolf zum Saxophon, er beginnt ein Musikstudium in Detmold. „Nach eineinhalb Jahren befand ich mich immer noch im sogenannten Vorstudium, da habe ich die Sache abgebrochen, es musste doch mal vorangehen! Also zunächst zur höheren Handelsschule. Bei der Frage nach dem nun richtigen Beruf blieb ich beim Musikalienhändler hängen und diese Ausbildung habe ich bei Niemeier erfolgreich absolviert. Anschließend Bundeswehr. Ich hatte Glück und wurde beim Heeresmusikkorps aufgenommen. Dieses Orchester versteht sich als Aushängeschild der Bundeswehr und verfügt über all das, was sich ein Orchester nur wünschen kann: beste Ausstattung und tolle Musiker in Überzahl. Auf der anderen Seite hatten wir 256 Auftritte im Jahr, in unterschiedlicher Zusammensetzung, wir konnten jeden erdenklichen Anlass bespielen, sei es mit Marschmusik oder Rock und Pop.“
Bettina Wittemeier: „Wie kommt es, dass man oft zuerst mit einem Song nichts anfangen kann, dann bleibt er plötzlich im Ohr und eine Zeit später möchte man ihn nicht mehr hören?“ „Musik löst subjektive Emotionen aus. Ein Song hat ja eine Gestaltung, einen Aufbau. Ohne in die Tiefe zu gehen, die Feinheiten kann man beim ersten Mal gar nicht erfassen, das dauert. Dann macht es klick und die Eigenart des Songs offenbart sich. Wenn man dann in ihm jedoch nichts Neues mehr entdecken kann, verliert man das Interesse, ja das Gefühl schlägt sogar um, nach dem Motto, oh nee, jetzt das Lied auch noch. Und dann kommt hinzu, dass Ihr beim Radio überspitzt gesagt immer die gleiche Playlist hoch und runter spielt. Irgendwann kann man es nicht mehr hören.“ Hart ins Gericht geht Christian Wolf mit der aktuellen Pop-Musik. Angefangen vom Drumcomputer über das Autotuning für die Stimme bis hin zur Wiedergabe: es herrscht das „Rattenfänger“-Prinzip. So kann der DJ heute alle Stücke so angleichen, dass der Takt leicht über der Herzschlagfrequenz liegt. Da die Basskalotte ohnehin der wichtigste Teil in der Wiedergabekette auf der Dancefloor ist, wird der Mensch quasi auf die Tanzfläche gezwungen. „Musikalität spielt oft leider eine sehr untergeordnete Rolle, was sich manchmal in den Live-Auftritten offenbart, wo für jeden die Schwächen erkennbar werden.“
Das Interview wird immer durch musikalische Einlagen unterbrochen, Christian Wolf spielt ganz unterschiedliche Stücke: Klassik, Jazz, Pop. Das Gespräch bleibt am Saxophon hängen, laut Christian Wolf eines der am leichtesten zu erlernenden Instrumente überhaupt, leichter sogar als Blockflöte. „Das Saxophon ist unglaublich vielseitig. Es kann scharf oder weich gespielt werden, richtig spitz oder leise und zurückhaltend. Kein Instrument kann eine menschliche Stimme besser interpretieren, wie zum Beispiel bei dem Stück von Whitney Houston eben. Es kann die (persönliche) Welt verändern, zumindest hat mir das einmal ein Zuhörer gestanden.  Man kann alle seine Emotionen hineinarbeiten, ja geradezu sein Herz über das Instrument ausschütten. Und es ist nie zu spät, damit anzufangen!“
Ein Schwerpunkt in seinem Musikgeschäft ist der Service, gerade bei der Klarinette ist Christian Wolf überregional bekannt und geschätzt. Aber auch bei allen anderen Instrumente steht für ihn die Nachhaltigkeit im Vordergrund, er betreut seine Kunden über viele Jahre hinweg. Mitunter kommen Menschen in seinen Laden, die zwar gerne ein Instrument spielen möchten, jedoch nicht wissen, welches zu ihnen passt. Für diese Fälle hat Christian Wolf die Methode „entdecke Dein Instrument“ entwickelt. Die wendet er nicht nur bei Familien mit kleinen Kindern an, sondern auch bei älteren Erstkunden. Denn das tägliche Musizieren trainiert nachweislich das Gehirn bis ins hohe Alter und schult dazu die Motorik. „Entscheidend ist, der Mensch muss es von sich aus tun. Niemand sollte zur Musik gezwungen werden!“
Oliver Baierl auf dem roten Sofa
Bielefeld ist eine tolle (Theater-)Stadt
Gleich zu Begin des 3. Sofagespräches gibt es Oliver Baierl zum Anfassen und Mitmachen: „Tadadadada tädädädä tüdüdüdü !“ Atemtechnik und einfache Atemübungen, „damit die Stimme (nach vorn) trägt, denn das ist die Basis. Dazu die richtige Stimmlage, nicht zu hoch und nicht zu tief – das kann man ausloten, indem man mehrfach schnell hintereinander alle Monatsnamen aufzählt und dabei auf den Klang der eigenen Stimme achtet.“
Oliver Baierl, 48 Jahre, gebürtig aus Köln („ich bin ein glückliches Kölner Einzelkind“), verheiratet, vier Kinder, Schauspieler seit über zwanzig Jahren („ich liebe das Spielen“), wohnt in Schildesche und verbringt den Urlaub sehr oft an der Ostsee („meine Frau stammt aus Kiel, das führt uns ganz einfach in diese Region, wir suchen uns dann ein Ferienhaus, möglichst weit ab und genießen einen Urlaub ohne viel Trubel“).
Zurückblickend stellt er fest, der beste Rat an einen jungen Menschen ist, „versuche dein Leben zu leben, fall auch mal auf die Nase und bemühe dich, Zufriedenheit zu erlangen.“ Zum Theater ist Oliver Baierl eher zufällig gekommen. Mit Freunden, die in der Filmproduktion beschäftigt waren, hat er nach dem Abi in einer Band gespielt und darüber ganz kleine Rollen ergattert. „Ich hab dann gemerkt, dass mir das liegt und habe allen Mut zusammengenommen und mich bei der Schauspielschule in München beworben. Auch seinerzeit wurde dort unglaublich gesiebt, von 1.000 Bewerbern bleiben zehn übrig. Ich gehörte dazu und das war eine riesige Chance, in meinem Fall hat es dazu geführt, dass ich schon im zweiten Jahr an der Schauspielschule eine erste Verpflichtung beim Residenztheater erhielt. Die Ausbildung ist sehr anspruchsvoll, sechzehn Stunden am Tag sind keine Seltenheit. Dazu die enorme Bandbreite des Stoffes. Wir haben gelernt, das SchauSpiel entspricht dem Denken, man muss die Rolle sein, sonst kann man sie nicht spielen. Aus diesem Verständnis von Theaterspielen folgt, dass von jeder Rolle ein kleines Stück in einem haften bleibt und weiter wirkt, man kann sie nicht einfach an der Garderobe ablegen. Allerdings prägen nur wenige Rollen einen besonders nachhaltig. Schauspielerei ist auch Interaktion, nicht nur schlichtes Auswendiglernen, schließlich stehen mehrere Menschen auf der Bühne, nicht zu vergessen das Publikum. Jetzt im Ensemble spielen wir sieben verschiedene Stücke gleichzeitig. Das muss man auch lernen, völlig unterschiedliche Charaktere jeweils authentisch zu reproduzieren. Übrigens, nach der Vorstellung esse ich abends gerne eine Tiefkühlpizza zum runterkommen, denn das Adrenalin ist immer da, auch nach soviel Auftritten.“
Der typische Arbeitsalltag wird von Proben bestimmt. Die Vorbereitungszeit beträgt etwa zwei Monate für ein Stück mit jeweils zwei Proben pro Tag. Als Ensemble-Spieler darf man während der Spielzeit die Stadt nicht verlassen, damit man z.B. einspringen kann, wenn ein Kollege plötzlich ausfällt. „Mir gefällt es in Bielefeld und hier möchte ich bleiben. Das Team, die Stadt, die Lebensqualität hier im Quartier. Ich bin hier angekommen, alles vorher war Gauklertum. Ich habe zum Beispiel fünf Jahre nebenher in einer Serienproduktion im Fernsehen mitgespielt, da verblödet man. Natürlich gibt es sehr anspruchsvolle TV-Produktionen, nicht nur so profanes Zeug. Der Vorteil dabei ist, dass der Dreh quasi im Block abgespult und auch gut bezahlt wird. Aber für eine Fernsehproduktion fehlt  mir momentan die Zeit.“
Das Thema der laufenden Spielzeit ist „Freiheit“. „Viele Menschen sprechen mich auf unsere Inszenierungen an, diese Menschen gehen offenbar ins Theater, was mich natürlich freut. Gerade in Bielefeld fällt auf, dass sich das Publikum wirklich aus allen gesellschaftlichen Schichten zusammensetzt, vom Punker bis zum gehobenen Bürgertum. Das Schauspiel läuft hier wirklich gut, selbst provokanten Rollen gegenüber ist das Publikum aufgeschlossen und wenn wir dann wie jetzt Diskussionen in der Stadtgesellschaft auslösen können, macht mich das schon stolz. Damit ist man nicht gleich ein Prominenter, will ich auch gar nicht. Die persönliche Freiheit findet zunächst erst ohnehin im eigenen Kopf statt, man entscheidet sich für eine bestimmte Option, man bewertet sich selbst und den erlebten Augenblick.“
Zuletzt noch die Frage nach der Rückkoppelung mit dem Publikum: „Also manchmal können wir auf der Bühne das Publikum ja kaum sehen, im großen Haus ist zwischen uns ja noch der Orchestergraben und dann wird man auch durch die Scheinwerfer geblendet. Im TAM ist das schon anders und in dem kleinen Saal spielen wir ja fast schon im Publikum. Daher sitzt die Abendregie, das ist in der Regel der Regieassistent, immer im Publikum und gleich im Anschluss an die Vorstellung wird über die Vorführung diskutiert, was kam gut an, was könnte man verbessern. Natürlich spüren wir auf der Bühne, wie das Publikum mitgeht, das ist doch das Schöne im Theater! Peter Zadek hat mal gesagt, der Regisseur wäre der erste Zuschauer. Gleichzeitig wäre es aber auch seine Aufgabe, aus der ‚Vorstellung‘ des Regisseurs zusammen mit der ‚Vorstellung‘ des Schauspielers die eigentliche ‚Vorstellung‘ zu formen. Und in gewisser Weise geschieht das an jedem Abend aufs Neue.“

Vera Wiehe auf dem roten Sofa
Starke Frauen oder der Kuss ist der Schlüssel zur Burg
Zum Zwiegespräch mit Annika Pott von Radio Bielefeld hatte auf dem roten Sofa Vera Wiehe von der WEGE Platz genommen. Auf die Frage nach ihrer Herkunft berichtete Vera Wiehe, dass sie in Münster vor 61 Jahren geboren wurde, dort auch aufgewachsen ist und zuletzt ein katholisches Mädchengymnasium besucht hat. „Ich war ein total liebes Mädchen aus einem proletarischen Haushalt. Nicht nur, dass in meiner Familie vor mir niemand irgendwelche Erfahrungen mit oder auf einer Universität gesammelt hätte – ich wurde auch mit Prämissen erzogen, die vielleicht am besten durch die eindringlich formulierte Warnung meiner Mutter beschrieben werden, die mich mit den Worten ermahnte ‚der Kuss ist der Schlüssel zur Burg‘. Tja, war damals so. Was mir aber schon immer total gegen den Strich ging, ist, wenn Menschen keine Verantwortung übernehmen wollen, mitunter noch nicht einmal für sich selbst. Nach dem Abi habe ich ein Lehramtsstudium begonnen, Geschichte und Deutsch, auch eine Entscheidung auf Nummer sicher, denn viel Einblick in die Arbeitswelt hat unsere Schule ja nicht geboten. Während des Studiums wurde meine Tochter geboren, aber trotzdem habe ich diese Ausbildung erfolgreich zu Ende geführt. Es gab seinerzeit das Problem der geburtenstarken Jahrgänge, die die Uni verließen und entsprechend wenige Referendariats- und noch weniger freie Lehramtsstellen. Mein Referendariat konnte ich schließlich am Bavink-Gymnasium ablegen, ich erinnere mich noch an eine Unterrichtsreihe zur frühen Frauenbewegung. Danach ging ich in die Erwachsenenbildung, eine Stelle als Lehrerin war nicht in Sicht und ich musste schließlich Geld verdienen. Von dort aus führte mein Weg zur AIDS-Hilfe, wo ich in der Geschäftsführung tätig war. Gleichzeitig habe ich nebenberuflich ein Studium der Gesundheitswissenschaften an der neuen Fakultät in Bielefeld absolviert, mein Schwerpunkt war die kommunale Gesundheitsvorsorge. Und dann hat mich die WEGE abgeworben! Hier lag mein Aufgabenbereich zunächst im Bereich der Gesundheitswirtschaft u.a. in der Zusammenarbeit mit dem ZIG (Zentrum für Innovation in der Gesundheitswirtschaft OWL), aber es ist sehr schön, dass ich innerhalb der WEGE eigentlich sehr autonom arbeiten kann und in mehreren Projekten eingebunden bin, bzw. sie initiiere. So bin ich momentan zuständig für Start-Ups und das nachhaltig angelegte Projekt ‚Gesundheitstourismus für Senioren im Teutoburger Wald‘.“
Bevor Vera Wiehe ihren normalen Arbeitsalltag skizzierte („Gründungsberatung, Mentorenservice, Organisation von Veranstaltungen/Stammtischen/Netzwerktreffen“) beschrieb sie den Spannungsbogen der heutigen Arbeitswelt: die Fachkräfte würden heute vor gänzlich neue Herausforderungen gestellt (Thema Industrie 4.0/Digitalisierung), ihre berufliche Zukunft wäre trotz der aktuell guten Wirtschaftslage mit deutlichen Fragezeichen versehen. Andererseits würden die Menschen inzwischen neue Bedürfnisse formulieren, die Vereinbarkeit von Arbeit und Beruf nimmt einen wachsenden Stellenwert ein. Also auf der einen Seite die Forderung und das Bekenntnis zu lebenslangem Lernen, dem gegenüber die Erwartung, in Bezug auf die Familie zu einer vernünftigen Arbeitsteilung zu kommen. Das wäre durchaus anspruchsvoll.
Grundsätzlich sieht sich Vera Wiehe als Botschafterin und Lobbyistin für die kleineren Unternehmer. Neun von zehn Selbständigen sind Kleinstunternehmer, deren Tätigkeit ganz grundsätzlich mit erheblichen Risiken behaftet ist. Häufig kommen sie gerade mal so über die Runden und sind nicht in der Lage, für schwierigere Perioden oder die eigene Altersversorgung hinreichend Kapital zurückzulegen. Auch der Einstig in die Selbständigkeit sollte besser unterstützt werden: „Die Wertschätzung selbständiger Arbeit ist unterentwickelt, daraus folgen die ‚falschen‘ Ideen hinsichtlich des eigenen Berufsweges!“
Besonderes Engagement widmet Vera Wiehe dem Thema Frauen in der Wirtschaft: „Der 18. März ist der Equal-pay-day, d.h., die Frauen haben die ersten zehn Wochen des Jahres umsonst gearbeitet, weil sie für die gleiche Arbeit auch in der Bundesrepublik nicht den gleichen Lohn erhalten. Hinzu kommen die frauen- bzw. männertypischen Berufsfelder, bei denen letztere i.d.R. besser bezahlt werden. Die Quote kann nur ein erster Schritt sein, das es so etwas geben muss weist auf sowohl strukturelle, als auch persönliche Probleme hin. Frauen müssen sich nach ihren Möglichkeiten strecken, aber leider trauen sich nicht alle Frauen, Strukturen zu verlassen oder sie auch nur in Frage zu stellen. Und dann gibt es ja noch die Erfahrung, dass Mädchen den Jungs in der Schule den Rang ablaufen, dieser Vorsprung auf dem Weg in die Berufe verloren geht, insbesondere bei den MINT-Berufen. Wenn öffentlich über Fachkräftemangel lamentiert wird und zeitgleich Ingenieurinnen schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, lernen wir daraus, dass wir hier noch einen weiten Weg vor uns haben. Ich prophezeihe, die Zukunft der Unternehmen hängt von ihrer Offenheit ab, junge Frauen auf allen Ebenen vorurteilsfrei zu integrieren.“
Für die nächste Zukunft plant Vera Wiehe einen Blog für OWL, in dem sie Vorbilder aus der Region vorstellen will. Auch möchte sie die Menschen noch mehr ermutigen, für ihre Rechte als Arbeitnehmer einzustehen.
5 Jahre Näh-Manufaktur
happy, happy, happy!
Vor gut einem Jahr eröffnete Stefanie Müller ihre Näh-Manufaktur in der Gunststraße/Ecke Sudbrackstraße, der Blickpunkt berichtete (Ausgabe Mai 2017). Deutlich länger war sie vorher im Lenkwerk – wenn man in Wolfsburg aufgewachsen ist, liegt einem ein Faible für Autos ja quasi im Blut. Auch heute ist Stefanie Müller nicht nur gern gesehener Gast im Lenkwerk, sie betreut auch weiterhin ganz unterschiedliche Kunden aus der automobilen Szene.
In der Menge der Gäste, die das Atelier am Freitagabend bevölkerten, vielen letztere aber kaum auf, zumindest nicht durch den typischen Benzingeruch. Die Mehrzahl der Gäste waren hingegen von der gleichen Droge wie die Gastgeberin befallen, die vor einem Jahr im Interview von sich behauptete „ich brauche den Stoff und an der Nadel hänge ich auch!“
Die Stimmung schwankte zwischen gut und ausgelassen, aber etwas fehlte noch: der geheimnisvolle Gast aus Hamburg verspätete sich, da die Deutsche Bahn irgendwo auf der Strecke einen Umweg oder eine nicht geplante Pause eingelegt hatte.
Aber dann kam er doch zur Tür herein, raumgreifend, unübersehbar. Nach einer kurzen, durch heiße Suppe unterstützten Aufwärmphase war es dann soweit und das „Wohnzimmerkonzert“ mit Georg auf Lieder begann. In nullkommanix hatte der Sänger nicht nur die ungeteilte Aufmerksamkeit der Gäste, sondern eroberte sich alle Sympathien im Sturm. Das Konzert war eine vergnügliche Mischung aus Stories, Songs, Mitmach-Liedern. Seine jahrelange Erfahrung als Straßenmusikant in Berlin, dazu eine Vielzahl von Wohnzimmerkonzerten in den letzten eineinhalb Jahren im gesamten deutschsprachigen Raum: seine One-Man-Show war gut getimed und trotzdem immer spontan und vor allem absolut authentisch. Die Zuhörer dankten es mit frenetischen Applaus/Jubel, soweit das bei der doch überschaubaren Gruppe machbar war. Der Sänger war sichtbar durchgeschwitzt und genauso begeistert, natürlich gab es Zugaben – der lauthals mitgesungene Refrain des letzten Liedes endete mit der Zeile „und dann rieselt aus allen Poren Deines Körpers quietschbuntes Konfetti ...“
Mehr zu Georg auf Lieder unter www.georg-auf-lieder.de, Infos zum Angebote der Näh-Manufaktur finden Sie unter www.naeh-manufaktur.de.
Übrigens: in den Osterferien finden wieder Nähkurse für Kinder und Jugendliche statt, einfach anrufen unter 0521 39 95 57 88.
Happy!
Sofagespräch – Pit Clausen
Toller Auftakt der neuen Gesprächsreihe in Schildesche: Oberbürgermeister Pit Clausen im Gespräch mit Annika Pott von Radio Bielefeld.
Das Konzept der ‚Sofagespräche‘ wurde gemeinsam von AWO und BGW entwickelt und so skizzieren Sonja Heckmann (AWO) und Oliver Klingelberg (BGW) die Idee: alle acht Wochen wird eine Persönlichkeit auf dem Sofa Platz nehmen. Die Sofagespräche werden sich um das Thema Nachbarschaft im weitesten Sinne drehen. Was macht unser Zusammenleben aus, wie kann man Menschen zusammenbringen, Brücken zwischen ihnen schlagen. In diesem Sinne kommen die Persönlichkeiten zu den Menschen ins Quartier, stehen auch allen Zuhörern Frage und Antwort. Lernen Sie den Menschen auf dem Sofa aus einer persönlichen Perspektive kennen!
Mit den ersten Fragen versucht Annika Pott Pit Clausen als Person kennenzulernen. Die Zuhörer erfahren, dass er in Düsseldorf geboren wurde, in Hilden aufgewachsen ist und unbedingt in Bielefeld studieren wollte: „Bielefeld als Reform-Uni hatte ein 1-Phasen-Modell für das Jurastudium entwickelt, wir studierten in Trimestern und waren nach sechseinhalb Jahren inkl. Referendariat fertig – das war anstrengend, aber hat auch Spaß gemacht.“ Nach dem Jurastudium hat Pit Clausen in Bielefeld zwanzig Jahre als Arbeitsrichter gearbeitet. Seine Eltern charakterisiert er als eher streng, aber liebevoll: „Ich komme aus einfachen Verhältnissen, ich war der erste in der gesamten Verwandtschaft mit Abitur und der erste mit einem Studium. Meine Eltern haben mich immer bestärkt, nach dem Motto ‚hab keine Angst, mach Dein Ding‘.“ Pit Clausen hat einen Bruder, Jürgen, die beiden sind eineiige Zwillinge. „Wir sind uns so ähnlich, dass ich auf alten Fotos selbst mitunter nicht genau sagen kann, wer von uns da wo gesessen hat. Verstärkt wurde das, weil unsere Mutter alle unsere Klamotten immer doppelt gekauft hat und wir auch immer gleichzeitig die gleichen Hosen, Pullis etc. angezogen bekamen. Das konnten mein Bruder und ich erst mit Beginn der Pubertät beenden,“ beschreibt Pit Clausen seine frühe Jugend und lacht in der Erinnerung an diese Zeit. „In diesen Wochen haben mein Partner und ich meine Eltern hier nach Bielefeld geholt. Wir haben eine tolle Wohnung bei der Freien Scholle in einem Wohnprojekt nach dem Bielefelder Modell gefunden. Jetzt können wir uns um die beiden besser kümmern. Für mich habe ich noch keinen Plan für das Alter. Ich nehme jeden neuen Lebensabschnitt an und versuche das Beste daraus zu machen. Mein Arbeitsalltag ist zwar sehr durchgeplant, aber trotzdem sehr turbulent. Das schlägt auch auf unseren Zwei-Personen-Haushalt durch, wir haben ein völlig chaotisches Einkaufsverhalten! Ob sich das noch mal ändert …?“ Im übrigen hat sich Pit Clausen ganz bewusst für Schildesche entschieden: „Schildesche ist ein ganz besonderer Stadtteil. Fast alles ist fußläufig erreichbar, sowohl ins Stadtzentrum, als auch in das grüne Umland ist es nicht weit. Und wir haben mit unseren Nachbarn sehr viel Glück gehabt. Wir helfen einander, vertrauen einander und feiern miteinander. Nachbarschaft bedeutet für mich, Hilfe anbieten aber auch um Hilfe bitten.“
Thema Politik
„Zusammen mit fünf Kommilitonen bin ich 1983 in die SPD eingetreten, weil wir in zahllosen Diskussionen zu der Erkenntnis gelangt waren, dass man seine Position in der Gesellschaft finden und einnehmen sollte, sich einmischen und mitmachen. Zu Anfang waren wir bei den Jusos und machten Hochschulpolitik. Da hatte ich noch überhaupt keine Ahnung von Kommunalpolitik, wir debattierten über die ganz großen Fragen, Ost-Politik, NATO-Doppelbeschluss, Nachrüstung, Atomkraft und solche Sachen. Meine erste Kandidatur zum Rat folgte 1994, damals noch mit handgemalten Plakaten, mein Ortsverein hatte mich dazu überredet. Ich konnte das Mandat direkt gewinnen und wurde sozialpolitischer Sprecher der Ratsfraktion. Nach der nächsten Wahl schickte mich die Fraktion in den Jugendhilfe-Ausschuss, wieder eine Legislatur später wurde ich Fraktionsvorsitzender. Damit saß ich kommunalpolitisch in der ersten Reihe! 2004 die erste Kandidatur in der Direktwahl zum Oberbürgermeister mit 42 Jahren, mit nur 120 Stimmen Vorsprung gewann damals Amtsinhaber Eberhard David. Inzwischen bin ich seit acht Jahren OB dieser Stadt, aber es gab wirklich keinen Masterplan für den Weg hierhin, es hätte auch ganz anders kommen können.“
Arbeitsalltag Oberbürgermeister
Pit Clausen: „Jeder Tag ist anders. Schlicht, weil man einfach nicht vorherbestimmen kann, was in einer Stadt wie Bielefeld alles passiert und was die sofortige Reaktion des OB oder zumindest eine rasche Entscheidung erfordert. Natürlich gibt es eine Grobstruktur, z.B. der Montag ist der Gremientag, aber auch da muss ich mitunter fernbleiben. Zum Glück kann ich mich auf mein tolles Büroteam verlassen, das immer den Überblick behält. Jedes Jahr erreichen mich etwa 2.500 Terminanfragen oder nehmen wir die 5.000 Beschäftigten dieser Stadt mit der entsprechenden Zahl von Personalentscheidungen – ohne die Mitarbeiter*innen im Büro hätte ich da keine Chance. Mich trägt die Vorstellung, mit Visionen zu der Entwicklung unserer Stadtgesellschaft beizutragen. Ich möchte, dass wir Sachen in Bielefeld einfach besser machen. Daher begleite ich das politische Geschehen in dieser Stadt nicht nur, sondern versuche immer aufs Neue Impulse zu geben. Das gehört meinem Verständnis nach zu meiner Aufgabe als OB, mehr noch, ist ureigenster Teil meines Jobs.“
Der bekennende Hundefan ist in Begleitung von Scotty („der ist jetzt gerade acht Monate alt und sprüht nur so vor Energie“) zu Fuß zu der Veranstaltung gekommen. „Scotty hilft mir auch, bestimmte Zeiten tatsächlich von anderen Dingen frei zu halten. Wenn ich mit ihm unterwegs bin, kann ich neue Gedanken fassen, mich neu sammeln. Das gilt gerade auch für die halbe Stunde, die ich jeden Mittag mit ihm draußen bin. Diese halbe Stunde verteidige ich eisern!“
Urlaub heißt für Pit Clausen, Bielefeld zu verlassen. Daher die Antwort auf die letzte Frage von Annika Pott: Nordsee oder Nordpark? „Nordsee ist Urlaub, Nordpark ist Alltag“
Spende an das Mädchenwohnheim „Halhof“
Ein außergewöhnlicher Freund
Der Siemens-Konzern stellt seinen Niederlassungen in Deutschland pro Jahr jeweils 3.000,- € zur Verfügung, mit denen soziale Projekte vor Ort gefördert werden können. Über die Vergabe können die Leitungen autonom entscheiden. Seit nunmehr 15 Jahren fördert der Leiter der hiesigen Niederlassung, Friedhelm Lohmann, mit diesem Betrag jährlich gezielt einer der vier Einrichtungen der Erziehungshilfe in städtischer Trägerschaft (Haus Linie 3, Rolf Wagner Haus, Wintersheide und Mädchenwohnheim Halhof), insgesamt mit inzwischen 45.000,- €.
Der Sozialdezernent Ingo Nürnberger erklärte dazu: „Friedhelm Lohmann ist der einzige Wirtschaftsführer dieser Stadt, der diese vier Einrichtungen aus eigener Anschauung kennt. Und nicht nur das, sondern er sucht immer wieder aktiv die Möglichkeit zu helfen. Fürwahr ein außergewöhnlicher Freund.“ Ingo Nürnberger musste feststellen, dass gerade für die Arbeit mit Jugendlichen Spenden sehr selten sind. Daher sticht das Engagement von Friedhelm Lohmann ganz besonders hervor. Seinen Anfang nahm es bei seinem 25jährigen Betriebsjubiläum, als Friedhelm Lohmann statt Geschenke für eine Spende an eine soziale Einrichtung gebeten hatte und bei der Suche nach einem passenden Adressaten auf die städtischen Einrichtungen gestoßen war. Auch bei seinem 40jährigen Jubiläum setzte er dies fort und konnte so „außer der Reihe“ zusätzlich 2.000,- € an das Haus Wintersheide übergeben.  
In diesem Jahr freuen sich die Bewohnerinnen des Bielefelder Mädchenwohnheims „Halhof“ im Stadtbezirk Schildesche über die Spende. Mit dem Geld wollen sie unter anderem Fahrräder und eine Karaoke-Maschine kaufen. Den Spendenscheck überreichte Siemens-Niederlassungsleiter Friedhelm Lohmann an Wohnheim-Leiterin Stephanie Sinemus im Beisein von Sozialdezernent Ingo Nürnberger und Jugendamtsleiter Georg Epp.
Seine Beweggründe fasste Friedhelm Lohmann schlicht und bescheiden in der Aussage zusammen, er selbst hätte an vielen Stellen in seinem Leben Glück gehabt und er fühle sich aufgefordert, von diesem Glück etwas zurückzugeben. In den Gesprächen in den Einrichtungen hat er über die Jahre regelmäßig erfahren können, wie häufig die sozialpädagogische Hilfe durch die Mitarbeiter in den Häusern tatsächlich eine Wende im Leben der betroffenen Jugendlichen eingeleitet hätte. Das wäre jeden Euro wert.
Das Mädchenwohnheim „Halhof“ ist seit August 1979 eine Einrichtung der Erziehungshilfe in Trägerschaft der Stadt Bielefeld. Es befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Gutshofes, der inzwischen von der Jugendorganisation Die Falken bewirtschaftet wird. „In unserem Haus können neun Mädchen langfristig wohnen. Ihnen wird ein Lebensbereich geboten, der es ermöglicht, seelische wie körperliche Verletzungen zu überwinden und soziale Erfahrungen zu analysieren, um gemeinsam mit Sozialarbeiter- und Erzieherinnen sowie einer Sozialpädagogin neue Lebensperspektiven für sich zu erarbeiten. Dafür kommt die Spende wie gerufen, gerade in finanziell knapper Zeit“, freut sich Stephanie Sinemus.
Man mag es sich kaum vorstellen, aber im Stadtgebiet Bielefeld werden pro Jahr etwa 240 Jugendliche in Obhut genommen. Das Mädchenwohnheim „Halhof“ ist dann eine der möglichen Anlaufstellen. In Bielefeld leben aktuell etwa 500 Kinder unter 6 Jahren und etwa 700 Kinder und Jugendlichen im Alter von 6 bis 16 Jahren in Pflegefamilien. Jeden Tag, so berichtete Georg Epp, fahren seine Mitarbeiter raus und suchen Familien auf, um Problemfälle zu analysieren und Hilfen zu organisieren. Bei diesen Zahlen wird deutlich, welche wichtige Funktion die Erziehungshilfe in unserem sozialen System einnimmt.
Auf der anderen Seite machte Stephanie Sinemus allerdings auch deutlich, dass die Hilfe von den betroffenen Jugendlichen auch angenommen werden muss. Mit wenigen Ausnahmen ist dies jedoch der Fall. Aufgrund der hohen Fallzahlen kommt dem Mädchenwohnheim „Halhof“ momentan mehr eine Funktion als Clearingstelle zu, mit 13 Bewohnerinnen arbeitet man am Limit. Die Mädchen können daher auf dem „Halhof“ nicht so lange bleiben, wie sie es sich selber oft gerne wünschen.

summ, summ
... Ihr Blick schweift von der Fahrbahn von Ihnen zur Seite. In dem kleinen Seitenfenster zuckelt die Landschaft vorbei. Auf langen Halmen wiegt sich das Getreide im Wind, allenthalben von blauen und roten Punkten durchsetzt, Kornblumen, Klatschmohn. PATSCH! Ein fünfmarkstückgroßer Fleck mitten auf der Windschutzscheibe. Langsam ziehen Fäden aus der gelbgrünen Masse nach oben, bis der warme Fahrtwind sie ausgetrocknet hat ...
Sofern Sie in den sechziger, siebziger oder achtziger Jahren mit dem Auto über Land gefahren sind, war spätestens beim nächsten Tankstopp ein Familienmitglied damit beschäftigt, die Frontscheibe von unzähligen Insektenresten zu befreien, falls dies nicht vom Tankwart selbst erledigt wurde. Heute können Sie quer durch die Republik fahren und am Ende die Reste der bedauernswerten Kreaturen auf Ihrer Scheibe an einer Hand abzählen. Vorbei auch die Zeit, wo Sie einen freundlichen Radfahrer an den Fliegen zwischen den Zähnen erkennen konnten. Sie sind weg. Die Insekten. Seit vielen Jahren nimmt ihre Zahl beständig ab, in den wenigen Untersuchungen, die wissenschaftlichen Kriterien standhalten, zum Teil im erschreckenden Ausmaß (bis zu 70% und mehr).
„Es ist noch zu früh, einen eindeutigen Verursacher zu benennen, uns fehlt einfach mehr belastbares Zahlenmaterial,“ erklärt Dr. Isolde Wrazidlo, Direktorin des Namu in Bielefeld, „aber die Art und Weise, in der hierzulande überwiegend Landwirtschaft betrieben wird, steuert auf jeden Fall ein gerüttelt Maß zu der Lage bei.“ Eine eMail an Rita Rehring, Pressesprecherin des WLV (Westfälisch-Lippischer Landwirtschaftsverband), vor einigen Wochen. Frage: Wie unterstützt der WLV seine Mitgliedsbetriebe in dieser Sache, gibt es vielleicht schon Handreichungen dazu? Rita Rehring meldet sich per Autotelefon: „Also wir haben gerade am Wochenende eine ausgedehnte Fahrradtour unternommen und da waren reichlich Insekten in der Luft. Wenn es in einem Jahr mal weniger sind, hat das auch mit der kühlen Witterung zu tun. Überhaupt ist das ein Thema, was die NGOs (Nicht-Regierungsorganisationen) unnötig aufbauschen!“ Nun zählt das Bundesumweltministerium nicht gerade zu den NGOs, aber wenn ein landwirtschaftlicher Verband so mit einem Thema umgeht, kann man bestenfalls davon ausgehen, dass die Tragweite des Vorgangs nicht begriffen wurde.
Unterhält man sich mit einem Landwirt, der seinen Hof noch bewirtschaftet, so wird dieser einem sehr eindeutig nahebringen, dass er sich als selbständiger Unternehmer versteht, der seinen Betrieb am Ende des Tages erfolgreich durch das Jahr bringen muss. Völlig unstreitig wird jeder ihm zubilligen, dabei auch einen Gewinn zu erwirtschaften, der u.a. die kommenden Investitionen ermöglicht und auf lange Sicht den Betrieb, den Hof, schuldenfrei an die nächste Generation zu übergeben. Betriebswirtschaft ist daher in der Ausbildung junger Landwirte ein wichtiger Schwerpunkt. Leider tauchen Insekten in der BWA (Betriebswirtschaftliche Auswertung) nicht auf. Stattdessen schlagen grotesk niedrige Verbraucherpreise unmittelbar durch – das Pfund Hackfleisch zu zwei Euro, das Kilo Hähnchenschenkel zu etwas über einem Euro (Preise aus der Werbung vom 25.8.2017), denken wir überhaupt darüber nach, welchen Irrsinn wir damit befördern?
Bislang konnten Landwirte immer darauf hoffen, dass für die entstehenden Probleme technische Lösungen gefunden wurden. Als die Traktoren die verdichteten Böden nicht mehr bearbeiten konnten, wurden die Schlepper immer stärker und größer. Mit den heutigen Spitzenmodellen ließe sich wahrscheinlich problemlos eine Furche in einen Braunkohleflöz ziehen. Immer neue Herbizide hielten die Wildkräuter auf Distanz, andere Biozide verdrängten die Schimmelpilze, z.B. den schwarzen Rost. Letzterer breitet sich inzwischen im Mittelmeerraum in einer Variante aus, die resistent gegen alle derzeit bekannten Gifte ist. Der inzwischen multiresistente Ackerfuchsschwanz sorgt dafür, dass auf einigen Flächen in Deutschland der Getreideanbau eingestellt werden mußte (Die Zeit 30/2017). Hier geht auch nicht das Motto „viel hilft viel“, dessen Anwendung beim Einsatz eines Totalherbizids für die Rekultivierung einer Brache für den Maisanbau im vergangenen Jahr die Nachtigallpopulation in der unteren Johannisbachaue ausgelöscht hat.
Und jetzt die Insekten. Deren Verschwinden bringt nicht nur Vögel, Fledermäuse, Frösche und zahlreiche weitere Tierarten in unmittelbare Bedrängnis, auch uns wird es treffen, zuallererst die Landwirtschaft. In China existieren bereits Landstriche, in denen die Bestäubung der Nutzpflanzen durch Erntehelfer vorgenommen wird. Soll es hierzulande soweit kommen?
Eine verpflichtende Umstellung des konventionellen auf einen biologischen Landbau erscheint uns illusorisch. Das mag auch so sein. Aber es gibt gangbare Wege, jetzt und sofort zu handeln, selbst wenn diese das Problem nicht gänzlich lösen werden. Vor gut 25 Jahren hat die Stadt Bielefeld ein sog. „Ackerrandstreifen-Programm“ initiiert. Dies hatte zwar vordergründig den Erhalt von Ackerwildkräutern zum Ziel, der Nebeneffekt einer besonders vielfältigen Insektenfauna wurde jedoch schon seinerzeit beschrieben. Blühstreifen-Programme gibt es heute immer noch, es machen jedoch zu wenig Landwirte mit. Warum ist die Sache mit den Insekten eigentlich so wichtig? Weil zwei Drittel der hundert wichtigsten Nutzpflanzen von der Bestäubung durch Insekten abhängig sind. Und weil wir immer noch weit davon entfernt sind zu verstehen, welche komplexen Auswirkungen die vorsätzliche Zerstörung gewachsener Ökosysteme haben wird.
Monokulturen, Insektizide, insbesondere Neonicotinoide, das Verschwinden von Auen und Feuchtwiesen, die zunehmende Rekultivierung ehemaliger Grünbachen, möglicherweise erste Auswirkungen des Klimawandels und noch andere Faktoren – alles zusammen ruiniert unsere Insektenfauna. Allen gemeinsam ist, dass menschliches Handeln ursächlich ist. Also ist es an uns, dies zu ändern.
Die landwirtschaftlichen Verbände betonen, dass an der derzeitigen Form der landwirtschaftlichen Produktion kein Weg vorbei führt. Stimmt das?  Wir stimmen jeden Tag an der Fleisch- und Gemüsetheke darüber ab. Wir bestimmen alle paar Jahre mit der Zusammensetzung von Gemeinderäten und Parlamenten über den voraussichtlichen Weg dieser Gesellschaft für die nächsten Jahre, ein Blick nach Düsseldorf kann einen in dieser Hinsicht zur Verzweiflung treiben. Beim Klimawandel haben wir den Point of no return in einzelnen Bereichen bereits überschritten. Die Auswirkungen werden unsere Kinder und Enkel im Sinne des Wortes „ausbaden“ müssen. Die Auswirkungen eines weiterhin ungebremsten Insektensterbens werden wir noch selber bezahlen dürfen, ebenso wie die immer teurere Reinigung unseres Trinkwassers von Düngemittelresten. Aber das ist eine andere Geschichte.
Zurück zum Seiteninhalt