Blickpunkt Schildesche

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Rotes Sofa
Reise durch die Geschichte
Diesmal war das Sofa an die erste, ursprüngliche Stelle im Wohncafé zurückgekehrt. Der Historiker Reinhard Neumann stellte sich den Fragen von Bettina Wittemeier, Moderatorin bei Radio Bielefeld und den zahlreichen Zuhörern, erneut war das Wohncafé bis auf den letzten Platz belegt.
Zunächst beschreibt Reinhard Neumann in einem großen Bogen seinen persönlichen Hintergrund. Aufgewachsen in der Nähe des Nordparks („Sudbrack – nicht Schildesche!“) lobt er in höchsten Tönen die Lebensqualität in dem Stadtbezirk Schildesche. Die hervorragende Infrastruktur, das viele Grün, das immer noch in Teilen zu spürenden dörfliche Flair. Im Gegensatz zur Innenstadt kennt man sich hier untereinander. Aus Sicht des Historikers so etwas wie gelebte Geschichte.
Danach folgten ganz unterschiedliche Episoden und Anekdoten zur historischen Entwicklung von Schildesche, dabei nimmt Neumann gerne die Fragen und Ideen des Publikums auf.
Zum Beispiel über das Schildescher Freibad. Als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme in den 30er Jahren erbaut, prägte es die Freizeit der Schilsker Jugend wie kaum ein anderer öffentlicher Ort. Das Wasser kam aus dem Johannisbach, was den Badefreuden jedoch keinen Abbruch tat. Ob nun 3 m- oder 5 m-Sprungturm, eine Frage die nicht ganz eindeutig beantwortet werden konnte, in diesem Freibad hat die Mehrzahl der Schildescher in der Zeit des Bestehens Schwimmen gelernt und die Angst vor dem Turmsprung überwunden. Für Schüler war der Eintritt während der Sommerferien sogar umsonst. Heute ist nur noch ein Mauerrest des ehemaligen Planschbeckens erhalten.
Oder der Schilsker Tüüt. Ein frotteeähnlicher Stoff, der in der Weberei hergestellt wurde, die sich auf dem Gelände der heutigen Rudolf-Steiner-Schule befand. Auch in Schildesche wurde über lange Zeit das Weben in Heimarbeit durchgeführt und in Ermangelung künstlicher Lichtquellen folgte die tägliche Arbeitszeit dem Tagesgang der Sonne. In den 1840er Jahren erreichte die Eisenbahn Bielefeld und damit begann die eigentliche Industrialisierung der Stadt. Gegenüber den neu errichteten Maschinenwebereien war die Heimarbeit nicht mehr konkurrenzfähig, Arbeitslosigkeit machte sich in Schildesche und den angrenzenden Gemeinden, z.B. Jöllenbeck breit. Als Reaktion wurde die Weberei gebaut und auch die Kleinbahn, die die Arbeitskräfte aus den nördlich gelegenen Orten zur Arbeit brachte. In der Fabrik war die Arbeitszeit streng reguliert und eine weithin hörbare Dampfpfeife signalisierte Arbeitsbeginn und -ende. Daher der Spitzname für den Stoff.
Überhaupt 'Schilske' bzw. Schildesche. Karl der Große oder auch Herzog Wittekind – so genau kann man das jetzt nicht mehr sagen – soll hier während einer Rast seinen Schild in eine Esche gehängt haben. Hört sich gut an, aber ... . Der bekannte Bielefelder Historiker Reinhard Vogelsang ist zu der Erkenntnis gelangt, dass etwa im 8. Jahrhundert hier etwas oberhalb der sumpfigen Niederung, durch die sich der Johannisbach seinerzeit schlängelte, schildförmige Siedlungskerne entstanden, die in Streifen aufgeteilt waren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit standen am Rand dieser Niederung auch Eschen und 'Schild' steht althochdeutsch für 'Esche'. Nun, vielleicht ist es ja auch eine Mischng aus beiden Erklärungsansätzen?!
Natürlich durfte eine Schilderung des Viadukts nicht fehlen. Eine besondere Herausforderung für die Bahnstrecke von Köln über Hannover nach Berlin. Die ganz erheblichen Erdarbeiten wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts überwiegend von Heuerlingen aus dem gesamten Umland durchgeführt, die dadurch für die Arbeit auf den Bauernhöfen fehlten, was wiederum zu Unruhen führte. Der ursprüngliche Viadukt gehörte zu den ältesten Zeugnissen der Eisenbahngeschichte in Deutschland. Diese Bahnstrecke war auch im Zweiten Weltkrieg von immenser Bedeutung. Der Viadukt wurde immer wieder durch alliierte Bomber angegriffen. Seine Zerstörung gelang jedoch erst im Frühjahr 1945 durch den Einsatz der bis dahin stärksten nicht-nuklearen Bombe der Welt. Sie schlug neben dem Viadukt im Boden ein und brachte eine Reihe Pfeiler beider Brückenbauwerke durch die heftige Erschütterung zum Einsturz. Bereits im Vorfeld war eine Hilfsstrecke gebaut worden, die von Brake zum Bahnhof in Bielefeld führte und sich einem Gummiband gleich durch die Landschaft schlängelte (daher der Spitzname Gummibahn). Daher konnte der Bahnbetrieb ohne Unterbrechung fortgeführt werden, allerdings mit deutlichen Einschränkungen, den die Steigungen erforderten den Einsatz von einer zusätzlichen Schub- und Zuglok, die an den Endpunkten zeitraubend angekoppelt werden mussten. Nach Kriegsende wurde rasch ein Provisorium für den Güterverkehr errichtet, der Personenverkehr wurde noch bis in die 60er Jahre über 'Gummibahn' abgewickelt. Durch die flächendeckenden Bombardierungen wurde auch der Halhof getroffen, der sehr wichtig für die Lebensmittelversorgung Bethels war. Es kam zu Hungeropfern unter den Bewohnern Bethels. Nach Kriegsende setzten sehr schnell Hilfslieferungen der Quäker aus den USA ein. Die Säcke mit den Lebensmitteln trugen den Aufdruck „In the name of God“.
Und so ging es im Plauderton weiter, vom Tingplatz über das Damenstift, die Zeit der Napoleonischen Kriege bis zu den Gebrüdern Rennebaum, die auf der großen Schildescher Heide hingerichtet worden sind. Der Fundus, aus dem Reinhard Neumann schöpfte, schien unerschöpflich. Aber jede Geschichtsstunde hat einmal ein Ende und schweren Herzens ließen die begeisterten Zuhörer die Moderatorin und den Historiker ziehen.
Rotes Sofa
Heimspiel
Die jüngste Auflage des Gesprächs auf dem roten Sofa fand bei allerbestem Wetter auf dem Kirchplatz vor der Stiftskirche statt. Dirk Schlüter, Redakteur bei Radio Bielefeld, interviewte Astrid Brausch, die Vorsitzende der Interessen- und Werbegemeinschaft InSchildesche e.V. Diese Gesprächsreihe haben AWO und BGW gemeinsam ins Leben gerufen, in den Sommermonaten wird das Sofa gerne nach draußen getragen.
Frohnatur
Der Kirchplatz ist ihr zweites Wohnzimmer, befand Astrid Brausch gleich zu Anfang, das Interview hatte noch gar nicht richtig begonnen und es sollte ziemlich lang werden. Daher von Anfang an: „Geboren und zunächst aufgewachsen bin ich in Jöllenbeck, aber bereits mit sechs zogen wir nach Schildesche. Hier bin ich zur Schule gegangen, in dieser Kirche hinter uns konfirmiert und auch getraut worden. Wir wohnen im Stift 1, dort befindet sich auch unser Betrieb, eine Goldschmiede, seit 99 Jahren im Familienbesitz.“ Die Zuhörer erfahren, dass Astrid Brausch und ihr Mann eine Leidenschaft für Urlaube in Spanien und Kroatien entwickelt haben, wo sie ihr Wohnmobil gerne etwas abseits vom touristischen Geschehen parken und sich auf Land & Leute einlassen. Letzteres sieht Astrid Brausch auch als Bedingung für ihre Arbeit im Goldschmiedegeschäft an. „Sicher habe ich bei uns viel Umgang mit den schönen Dingen, das liegt in der Natur der Sache. Aber der Kontakt zu den Menschen ist doch viel wichtiger, ich muss doch ihre Vorlieben erkennen können, ihr individuelles Ich, da ist dann die Kommunikation gefragt.“ Abschalten kann Astrid Brausch wenn sie abends zum Buch greifen kann (aktuell ‚Die Rabenfrau‘ von Regine Leisner), sie liest gerne und viel – als Kind unter der Bettdecke. „Und es funktioniert immer noch: das Buch entführt mich in andere Welten!“
Dirk Schlüter zitiert Heinz Flottmann:  Astrid Brausch hat eine rundum positive Ausstrahlung! „Ja, es stimmt wohl. Ich versuche das Leben positiv zu nehmen, indem ich mir aktiv ein positives Umfeld schaffe. Vielleicht bin ich auch eine Frohnatur.“
Auf Schildesche angesprochen, beschreibt Astrid Brausch den ihrer Meinung nach dörflichen Charakter des Stadtteils. Die Menschen gehen respektvoll miteinander um, sind nicht spießig. Das soziale Wohnklima, die extreme Stadtnähe und die gute Anbindung mit der Stadtbahn machen Schildesche beliebt. Nur die Verkehrssituation ist in Teilen schwierig. Der Handelsstandort Schildesche unterscheidet sich von den benachbarten Stadtteilen. Viele inhabergeführte Geschäfte mit persönlichen Bezügen zu den Menschen, nicht nur zu den Kunden, und zum Stadtteil, führen zu einer besonderen Einkaufsatmosphäre.
InSchildesche
Hier setzt die Arbeit von InSchildesche an, deren Vorsitzende Astrid Brausch seit 2005 ist. „Das mache ich nicht nur nebenher, dann würde ich der Aufgabe nicht gerecht. Man muss sich voll einbringen und für Schildesche engagieren, dann ist es am Ende nicht nur Arbeit, sondern vielmehr eine starke Erfüllung. Zum Glück tragen viele Mitglieder den Verein und auch meine Vorstandskollegen arbeiten aktiv mit. Gemeinsam sind wir innovativ und können mit den unterschiedlichen Aktionen und Veranstaltungen alle Altersgruppen ansprechen. Auch im Vorstand sind wir unterschiedlich alt mit den jeweils ganz anderen Perspektiven für den eigenen Betrieb und für sich selbst. Das ist eine gesunde Mischung. Indem wir über die Jahre hinweg kulturelle Angebote ausgebaut haben, konnten wir einiges erreichen für die Identifikation der Schildescher mit ihrem Stadtteil. Höhepunkt des Jahres ist natürlich der Stiftsmarkt, dieses Jahr zum 33. Mal. Der Stiftsmarkt ist überregional bekannt. Das wundert, wer an die Anfänge zurückdenkt. Ich glaube, ganz wichtig für den Stiftsmarkt ist die gute Zusammenarbeit mit den lokalen Vereinen und Institutionen, das macht am Ende den familiären Charme der Veranstaltung aus. Mit inzwischen drei Bühnen können wir auch ein abwechslungsreiches und weitgefächertes Repertoire anbieten, hier kommt jeder auf seine Kosten. Seit sieben Jahren gibt es ‚Sound of Schildesche‘, eine Veranstaltung mit Ausnahmecharakter. Auch ‚Schildesche kulinarisch‘ wird gut angenommen, ebenso der ‚Feuerzauber‘ in der Adventszeit. Die ‚Eiswette‘ gibt es jetzt nur noch jedes zweite Jahr, u.a., weil uns so nach und nach die Ideen ausgehen, wie die Wette zu interpretieren ist, wenn eben kein Eis den See bedeckt. Ohne jetzt besonders dick aufzutragen, würde ich sagen, wir sind eben was besonderes!“ Sagts und lacht.
Ein letzter Aspekt: wie läuft es mit der lokalen Politik. „Jedem bei uns ist klar, dass eine gute Zusammenarbeit mit unseren Bezirks- und Ratsvertretern ganz wichtig ist. Gleiches gilt für die Kirchen. Da ist in den letzten Jahren viel beidseitiges Vertrauen gewachsen.“
Noch einen Wunsch frei: „Auch in Zukunft zusammenhalten, neue Ideen umsetzen, um Schildesche attraktiver zu gestalten!“
Dieser Wunsch könnte durchaus in Erfüllung gehen.
Christian Schulz und Heinz Flottmann auf dem roten Sofa
Das rote Sofa stand diesmal am Seekrug. Und Platz genommen hatten Christian Schulz, der Seekrug-Wirt, und Jürgen Rittershaus alias Heinz Flottmann, der stadtbekannte Kabarettist.
Sonja Heckmann, AWO, und Oliver Klingelberg, BGW, hielten sich gar  nicht lange mit der Vorrede auf, sondern übergaben die Mikros rasch an die beiden Stars der Veranstaltung.
Die brauchten allerdings ein wenig, bis sie so richtig warm wurden mit der Situation. Aber gemach ...
Wenn die immer das Blinken vergessen
Zunächst ein paar persönliche Daten. Heinz Flottmann gab auf die übliche Eingangsfrage sein Alter mit 62 Jahren an, aktuell mit Wohnsitz in Sieker, gebürtig aus Berlebach in der Nähe von Detmold. Von Beruf Kabarettist („Ich wollte eigentlich Lehrer werden. Das Studium hat soweit auch gut geklappt, aber dann kam die Botschaft, das Referendariat in Coesfeld anzutreten. Also nee, stattdessen habe ich mit Freunden begonnen Theater und Musik zu machen, natürlich in der naiven Vorstellung, davon auch leben zu können“), Mitglied im Trotzalledem-Theater und regelmäßiger Kolumnenschreiber in der NW. Vielen Bielefeldern durch seine themenbezogenen Stadtrundfahrten bekannt, häufiger Gast auf Stadtfesten und langjähriger Moderator und Kommentator der Schilsker Eiswette. Glücklich fühlt er sich, wenn er morgens aufsteht und feststellen kann, es wird ein super Tag. Auf die Palme bringen ihn alltägliche Gedankenlosigkeiten unserer Mitbürger, z.B. die Ignoranz, die manche Verkehrsteilnehmer dem Fahrtrichtungsanzeiger, auch Blinkhebel genannt, entgegenbringen.
Historiker, nicht Hysteriker
Christian Schulz hat die sechzig Jahre noch nicht ganz erreicht, ist von Beruf Gastwirt und kommt aus Rehme, ein kleiner Ort an der Weser. Wohnt und arbeitet im Seekrug. Er kann sich eigentlich keinen anderen Beruf vorstellen, vorausgesetzt man liebt die Menschen. Daher macht ihn der Job jeden Tag glücklich. Auf die Palme bringen ihn höchstens blöde Fragen, das kommt schon mal vor. In seiner Familie waren fast alle Gastwirte bzw. haben in der Gastronomie gearbeitet – Vater, Tante und alle Familienangehörigen. Er selbst hat dort ebenfalls seine ersten Jobs gehabt, „und schnell festgestellt, das macht ja richtig Spaß! Nicht nur wenn dann am Abend der 50-Mark-Schein verdient war, sondern das ganze Drumherum“. Dennoch hat Christian Schulz den Versuch gestartet und ein Geschichtsstudium in Bielefeld begonnen, „ich wollte tatsächlich Historiker werden und auf keinen Fall Hysteriker! Mal sehen ob ich an der Passion noch mal anknüpfe, zumindest schreibe ich im Kopf schon ein Buch und in fünf Jahren bringe ich es dann zu Papier.“ Die erste eigene Gastronomie in Bielefeld war 1990 der Pflaumenbaum („Eine ungewöhnliche Gaststätte, in der die Gäste auf jeden Fall viel Spaß hatten“), als nach und nach die Familie anwuchs war der Schritt, den Seekrug zu übernehmen, richtig und passend. Das Gebäudeensemble, das den Seekrug bildet, besteht aus alten Häusern, die an verschiedenen Stellen in Schildesche gestanden haben und hierher versetzt wurden. Eigentümer des Seekrugs ist Herr Hüser, der Alt-Verleger der NW.  Nebenher ist Christian Schulz auch Präsident des lokalen Angelvereins.
Kneipenkultur
C.S.: „Kommen wir noch mal auf die Gastronomie zurück. Also die Kneipenkultur liegt mir wirklich am Herzen und da probiere ich auch immer wieder etwas Neues aus. Entscheidend ist, dass die Menschen miteinander ins Reden kommen. Wenn es gut läuft, dann nicht nur in der kleinen Gruppe, in der sie gekommen sind, sondern auch mit den anderen, die sie hier antreffen.“ H.F.: „Wenn ich mich zurückerinnere, dann würde ich behaupten, die Mehrzahl der Kneipen früher waren ziemlich klein und übersichtlich und die Theke war wesentlich dominanter.“ C.S.: „Die Theke ist das eine. Aber um die Menschen zueinander zu bringen, hatten wir im Pflaumenbaum z.B. keine Tische. Das geht hier im Seekrug natürlich nicht. Der Raum in einer Kneipe ist so etwas wie ein öffentliches Wohnzimmer und da kann man immer etwas draus machen.“
Humor ist harte Arbeit
Vor 25 Jahren wurde die Figur Heinz Flottmann für Radio Bielefeld erfunden, tauchte dann als Moderator im Theater und auf Veranstaltungen auf und wurde seitdem auch immer wieder neu erfunden. Schön auch die Flottmannschen Inseln hier am Johannisbach, die ja früher einmal zu Frankreich gehörten. Aber im Ernst, jeder Auftritt muss sorgfältig vorbereitet werden, Ideen und Konzepte werden noch ganz klassisch auf Karteikarten gesammelt. Die Karteikarten helfen auch bei der wöchentlichen Kolummne, die bis Donnerstag in der Redaktion sein muss. Das nächste Projekt sind zwei neue Stadtrundfahrten, die eine mit dem Titel „Kann denn Bauen Sünde sein“. Ab September dann ein „Kneipenquiz“, soviel wird schon verraten. Neugierig sein auf Dinge die man nicht kennt ist eine wichtige Voraussetzung, wenn man humoristisch unterwegs sein will. Und ja, Humor kann auch harte Arbeit bedeuten. Manchmal zumindest.
Das Sofagespräch stand unter der Überschrift „Musik & Emotionen“ und tatsächlich, zum Ende hin greift Heinz Flottmann in die Saiten und bringt seine Pisa-Hymne „Ich hab keine Ahnung“ zu Gehör:
Wenn Du lächelst ist für mich der Himmel blau!
Die „Sofagepräche im Quartier“ sind im Dezember 2017 von der AWO und der BGW ins Leben gerufen worden. Ziel der Veranstaltungsreihe ist es, die Menschen in Schildesche miteinander ins Gespräch zu bringen. Alle zwei Monate nehmen an verschiedenen Standorten im Stadtteil prominente, aber auch weniger bekannte Personen auf dem roten Sofa Platz, die in Schildesche leben oder sich hier engagieren.
Sofagespräch mit Christian Wolf
Musik & Emotionen
Hochsommerliche Temperaturen schon morgens um 10 inmitten von Schildesche. Sonja Heckmann und Oliver Klingelberg haben auf trockenes Wetter für das erste Open-Air Gespräch auf dem roten Sofa gehofft, jetzt scheint es fast zu warm zu werden. Aber es kommen im Verlauf der Veranstaltung immer mehr Interessierte vorbei, die spontan stehen bleiben und zuhören – im Schatten der Bäume.
Die Moderatorin, Bettina Wittemeier von Radio Bielefeld, eröffnet das Gespräch mit Christian Wolf mit einer Frage nach seinem Musikgeschäft. Christian Wolf: „Hier waren vorher zwei Geschäfte, ein Modeladen und ein Laden für Wolle etc.. Meine Frau strickt gerne und bei einem gemeinsamen Einkaufsbummel machten wir in dem Woll-Laden Station. Da war bereits erkennbar, dass das Modegeschäft in Auflösung war und spontan kam der Gedanke, dies könnte doch auch ein tolles Musikgeschäft werden. Der Gedanke setzte sich fest und ich besuchte daraufhin so etwas wie einen Selbständigkeitskurs bei der IHK. Dort traf ich auf eine Sparkassenmitarbeiterin, die ich schon kannte und mit ihrer und der Hilfe der Sparkasse konnte ich die Idee des eigenen Musikgeschäftes überraschend schnell realisieren. Jetzt steht das 5-jährige Jubiläum an, das wir kommenden Sonnabend hier feiern, gerne auch draußen und gerne auch bei solch tollem Sonnenschein.“
Christian Wolf stammt aus einer sehr musikalischen Familie: schon der Vater spielte in einem Orchester, die Schwester leitet inzwischen ein Orchester in Siena und die gesamte Familie ist eine Zeit lang, quasi als hiesige Ausgabe der Kelly-Family, durch die Lande getourt, die Mutter am Schlagzeug. Nach einem Umweg über die Klarinette kommt Christian Wolf zum Saxophon, er beginnt ein Musikstudium in Detmold. „Nach eineinhalb Jahren befand ich mich immer noch im sogenannten Vorstudium, da habe ich die Sache abgebrochen, es musste doch mal vorangehen! Also zunächst zur höheren Handelsschule. Bei der Frage nach dem nun richtigen Beruf blieb ich beim Musikalienhändler hängen und diese Ausbildung habe ich bei Niemeier erfolgreich absolviert. Anschließend Bundeswehr. Ich hatte Glück und wurde beim Heeresmusikkorps aufgenommen. Dieses Orchester versteht sich als Aushängeschild der Bundeswehr und verfügt über all das, was sich ein Orchester nur wünschen kann: beste Ausstattung und tolle Musiker in Überzahl. Auf der anderen Seite hatten wir 256 Auftritte im Jahr, in unterschiedlicher Zusammensetzung, wir konnten jeden erdenklichen Anlass bespielen, sei es mit Marschmusik oder Rock und Pop.“
Bettina Wittemeier: „Wie kommt es, dass man oft zuerst mit einem Song nichts anfangen kann, dann bleibt er plötzlich im Ohr und eine Zeit später möchte man ihn nicht mehr hören?“ „Musik löst subjektive Emotionen aus. Ein Song hat ja eine Gestaltung, einen Aufbau. Ohne in die Tiefe zu gehen, die Feinheiten kann man beim ersten Mal gar nicht erfassen, das dauert. Dann macht es klick und die Eigenart des Songs offenbart sich. Wenn man dann in ihm jedoch nichts Neues mehr entdecken kann, verliert man das Interesse, ja das Gefühl schlägt sogar um, nach dem Motto, oh nee, jetzt das Lied auch noch. Und dann kommt hinzu, dass Ihr beim Radio überspitzt gesagt immer die gleiche Playlist hoch und runter spielt. Irgendwann kann man es nicht mehr hören.“ Hart ins Gericht geht Christian Wolf mit der aktuellen Pop-Musik. Angefangen vom Drumcomputer über das Autotuning für die Stimme bis hin zur Wiedergabe: es herrscht das „Rattenfänger“-Prinzip. So kann der DJ heute alle Stücke so angleichen, dass der Takt leicht über der Herzschlagfrequenz liegt. Da die Basskalotte ohnehin der wichtigste Teil in der Wiedergabekette auf der Dancefloor ist, wird der Mensch quasi auf die Tanzfläche gezwungen. „Musikalität spielt oft leider eine sehr untergeordnete Rolle, was sich manchmal in den Live-Auftritten offenbart, wo für jeden die Schwächen erkennbar werden.“
Das Interview wird immer durch musikalische Einlagen unterbrochen, Christian Wolf spielt ganz unterschiedliche Stücke: Klassik, Jazz, Pop. Das Gespräch bleibt am Saxophon hängen, laut Christian Wolf eines der am leichtesten zu erlernenden Instrumente überhaupt, leichter sogar als Blockflöte. „Das Saxophon ist unglaublich vielseitig. Es kann scharf oder weich gespielt werden, richtig spitz oder leise und zurückhaltend. Kein Instrument kann eine menschliche Stimme besser interpretieren, wie zum Beispiel bei dem Stück von Whitney Houston eben. Es kann die (persönliche) Welt verändern, zumindest hat mir das einmal ein Zuhörer gestanden.  Man kann alle seine Emotionen hineinarbeiten, ja geradezu sein Herz über das Instrument ausschütten. Und es ist nie zu spät, damit anzufangen!“
Ein Schwerpunkt in seinem Musikgeschäft ist der Service, gerade bei der Klarinette ist Christian Wolf überregional bekannt und geschätzt. Aber auch bei allen anderen Instrumente steht für ihn die Nachhaltigkeit im Vordergrund, er betreut seine Kunden über viele Jahre hinweg. Mitunter kommen Menschen in seinen Laden, die zwar gerne ein Instrument spielen möchten, jedoch nicht wissen, welches zu ihnen passt. Für diese Fälle hat Christian Wolf die Methode „entdecke Dein Instrument“ entwickelt. Die wendet er nicht nur bei Familien mit kleinen Kindern an, sondern auch bei älteren Erstkunden. Denn das tägliche Musizieren trainiert nachweislich das Gehirn bis ins hohe Alter und schult dazu die Motorik. „Entscheidend ist, der Mensch muss es von sich aus tun. Niemand sollte zur Musik gezwungen werden!“
Oliver Baierl auf dem roten Sofa
Bielefeld ist eine tolle (Theater-)Stadt
Gleich zu Begin des 3. Sofagespräches gibt es Oliver Baierl zum Anfassen und Mitmachen: „Tadadadada tädädädä tüdüdüdü !“ Atemtechnik und einfache Atemübungen, „damit die Stimme (nach vorn) trägt, denn das ist die Basis. Dazu die richtige Stimmlage, nicht zu hoch und nicht zu tief – das kann man ausloten, indem man mehrfach schnell hintereinander alle Monatsnamen aufzählt und dabei auf den Klang der eigenen Stimme achtet.“
Oliver Baierl, 48 Jahre, gebürtig aus Köln („ich bin ein glückliches Kölner Einzelkind“), verheiratet, vier Kinder, Schauspieler seit über zwanzig Jahren („ich liebe das Spielen“), wohnt in Schildesche und verbringt den Urlaub sehr oft an der Ostsee („meine Frau stammt aus Kiel, das führt uns ganz einfach in diese Region, wir suchen uns dann ein Ferienhaus, möglichst weit ab und genießen einen Urlaub ohne viel Trubel“).
Zurückblickend stellt er fest, der beste Rat an einen jungen Menschen ist, „versuche dein Leben zu leben, fall auch mal auf die Nase und bemühe dich, Zufriedenheit zu erlangen.“ Zum Theater ist Oliver Baierl eher zufällig gekommen. Mit Freunden, die in der Filmproduktion beschäftigt waren, hat er nach dem Abi in einer Band gespielt und darüber ganz kleine Rollen ergattert. „Ich hab dann gemerkt, dass mir das liegt und habe allen Mut zusammengenommen und mich bei der Schauspielschule in München beworben. Auch seinerzeit wurde dort unglaublich gesiebt, von 1.000 Bewerbern bleiben zehn übrig. Ich gehörte dazu und das war eine riesige Chance, in meinem Fall hat es dazu geführt, dass ich schon im zweiten Jahr an der Schauspielschule eine erste Verpflichtung beim Residenztheater erhielt. Die Ausbildung ist sehr anspruchsvoll, sechzehn Stunden am Tag sind keine Seltenheit. Dazu die enorme Bandbreite des Stoffes. Wir haben gelernt, das SchauSpiel entspricht dem Denken, man muss die Rolle sein, sonst kann man sie nicht spielen. Aus diesem Verständnis von Theaterspielen folgt, dass von jeder Rolle ein kleines Stück in einem haften bleibt und weiter wirkt, man kann sie nicht einfach an der Garderobe ablegen. Allerdings prägen nur wenige Rollen einen besonders nachhaltig. Schauspielerei ist auch Interaktion, nicht nur schlichtes Auswendiglernen, schließlich stehen mehrere Menschen auf der Bühne, nicht zu vergessen das Publikum. Jetzt im Ensemble spielen wir sieben verschiedene Stücke gleichzeitig. Das muss man auch lernen, völlig unterschiedliche Charaktere jeweils authentisch zu reproduzieren. Übrigens, nach der Vorstellung esse ich abends gerne eine Tiefkühlpizza zum runterkommen, denn das Adrenalin ist immer da, auch nach soviel Auftritten.“
Der typische Arbeitsalltag wird von Proben bestimmt. Die Vorbereitungszeit beträgt etwa zwei Monate für ein Stück mit jeweils zwei Proben pro Tag. Als Ensemble-Spieler darf man während der Spielzeit die Stadt nicht verlassen, damit man z.B. einspringen kann, wenn ein Kollege plötzlich ausfällt. „Mir gefällt es in Bielefeld und hier möchte ich bleiben. Das Team, die Stadt, die Lebensqualität hier im Quartier. Ich bin hier angekommen, alles vorher war Gauklertum. Ich habe zum Beispiel fünf Jahre nebenher in einer Serienproduktion im Fernsehen mitgespielt, da verblödet man. Natürlich gibt es sehr anspruchsvolle TV-Produktionen, nicht nur so profanes Zeug. Der Vorteil dabei ist, dass der Dreh quasi im Block abgespult und auch gut bezahlt wird. Aber für eine Fernsehproduktion fehlt  mir momentan die Zeit.“
Das Thema der laufenden Spielzeit ist „Freiheit“. „Viele Menschen sprechen mich auf unsere Inszenierungen an, diese Menschen gehen offenbar ins Theater, was mich natürlich freut. Gerade in Bielefeld fällt auf, dass sich das Publikum wirklich aus allen gesellschaftlichen Schichten zusammensetzt, vom Punker bis zum gehobenen Bürgertum. Das Schauspiel läuft hier wirklich gut, selbst provokanten Rollen gegenüber ist das Publikum aufgeschlossen und wenn wir dann wie jetzt Diskussionen in der Stadtgesellschaft auslösen können, macht mich das schon stolz. Damit ist man nicht gleich ein Prominenter, will ich auch gar nicht. Die persönliche Freiheit findet zunächst erst ohnehin im eigenen Kopf statt, man entscheidet sich für eine bestimmte Option, man bewertet sich selbst und den erlebten Augenblick.“
Zuletzt noch die Frage nach der Rückkoppelung mit dem Publikum: „Also manchmal können wir auf der Bühne das Publikum ja kaum sehen, im großen Haus ist zwischen uns ja noch der Orchestergraben und dann wird man auch durch die Scheinwerfer geblendet. Im TAM ist das schon anders und in dem kleinen Saal spielen wir ja fast schon im Publikum. Daher sitzt die Abendregie, das ist in der Regel der Regieassistent, immer im Publikum und gleich im Anschluss an die Vorstellung wird über die Vorführung diskutiert, was kam gut an, was könnte man verbessern. Natürlich spüren wir auf der Bühne, wie das Publikum mitgeht, das ist doch das Schöne im Theater! Peter Zadek hat mal gesagt, der Regisseur wäre der erste Zuschauer. Gleichzeitig wäre es aber auch seine Aufgabe, aus der ‚Vorstellung‘ des Regisseurs zusammen mit der ‚Vorstellung‘ des Schauspielers die eigentliche ‚Vorstellung‘ zu formen. Und in gewisser Weise geschieht das an jedem Abend aufs Neue.“

Vera Wiehe auf dem roten Sofa
Starke Frauen oder der Kuss ist der Schlüssel zur Burg
Zum Zwiegespräch mit Annika Pott von Radio Bielefeld hatte auf dem roten Sofa Vera Wiehe von der WEGE Platz genommen. Auf die Frage nach ihrer Herkunft berichtete Vera Wiehe, dass sie in Münster vor 61 Jahren geboren wurde, dort auch aufgewachsen ist und zuletzt ein katholisches Mädchengymnasium besucht hat. „Ich war ein total liebes Mädchen aus einem proletarischen Haushalt. Nicht nur, dass in meiner Familie vor mir niemand irgendwelche Erfahrungen mit oder auf einer Universität gesammelt hätte – ich wurde auch mit Prämissen erzogen, die vielleicht am besten durch die eindringlich formulierte Warnung meiner Mutter beschrieben werden, die mich mit den Worten ermahnte ‚der Kuss ist der Schlüssel zur Burg‘. Tja, war damals so. Was mir aber schon immer total gegen den Strich ging, ist, wenn Menschen keine Verantwortung übernehmen wollen, mitunter noch nicht einmal für sich selbst. Nach dem Abi habe ich ein Lehramtsstudium begonnen, Geschichte und Deutsch, auch eine Entscheidung auf Nummer sicher, denn viel Einblick in die Arbeitswelt hat unsere Schule ja nicht geboten. Während des Studiums wurde meine Tochter geboren, aber trotzdem habe ich diese Ausbildung erfolgreich zu Ende geführt. Es gab seinerzeit das Problem der geburtenstarken Jahrgänge, die die Uni verließen und entsprechend wenige Referendariats- und noch weniger freie Lehramtsstellen. Mein Referendariat konnte ich schließlich am Bavink-Gymnasium ablegen, ich erinnere mich noch an eine Unterrichtsreihe zur frühen Frauenbewegung. Danach ging ich in die Erwachsenenbildung, eine Stelle als Lehrerin war nicht in Sicht und ich musste schließlich Geld verdienen. Von dort aus führte mein Weg zur AIDS-Hilfe, wo ich in der Geschäftsführung tätig war. Gleichzeitig habe ich nebenberuflich ein Studium der Gesundheitswissenschaften an der neuen Fakultät in Bielefeld absolviert, mein Schwerpunkt war die kommunale Gesundheitsvorsorge. Und dann hat mich die WEGE abgeworben! Hier lag mein Aufgabenbereich zunächst im Bereich der Gesundheitswirtschaft u.a. in der Zusammenarbeit mit dem ZIG (Zentrum für Innovation in der Gesundheitswirtschaft OWL), aber es ist sehr schön, dass ich innerhalb der WEGE eigentlich sehr autonom arbeiten kann und in mehreren Projekten eingebunden bin, bzw. sie initiiere. So bin ich momentan zuständig für Start-Ups und das nachhaltig angelegte Projekt ‚Gesundheitstourismus für Senioren im Teutoburger Wald‘.“
Bevor Vera Wiehe ihren normalen Arbeitsalltag skizzierte („Gründungsberatung, Mentorenservice, Organisation von Veranstaltungen/Stammtischen/Netzwerktreffen“) beschrieb sie den Spannungsbogen der heutigen Arbeitswelt: die Fachkräfte würden heute vor gänzlich neue Herausforderungen gestellt (Thema Industrie 4.0/Digitalisierung), ihre berufliche Zukunft wäre trotz der aktuell guten Wirtschaftslage mit deutlichen Fragezeichen versehen. Andererseits würden die Menschen inzwischen neue Bedürfnisse formulieren, die Vereinbarkeit von Arbeit und Beruf nimmt einen wachsenden Stellenwert ein. Also auf der einen Seite die Forderung und das Bekenntnis zu lebenslangem Lernen, dem gegenüber die Erwartung, in Bezug auf die Familie zu einer vernünftigen Arbeitsteilung zu kommen. Das wäre durchaus anspruchsvoll.
Grundsätzlich sieht sich Vera Wiehe als Botschafterin und Lobbyistin für die kleineren Unternehmer. Neun von zehn Selbständigen sind Kleinstunternehmer, deren Tätigkeit ganz grundsätzlich mit erheblichen Risiken behaftet ist. Häufig kommen sie gerade mal so über die Runden und sind nicht in der Lage, für schwierigere Perioden oder die eigene Altersversorgung hinreichend Kapital zurückzulegen. Auch der Einstig in die Selbständigkeit sollte besser unterstützt werden: „Die Wertschätzung selbständiger Arbeit ist unterentwickelt, daraus folgen die ‚falschen‘ Ideen hinsichtlich des eigenen Berufsweges!“
Besonderes Engagement widmet Vera Wiehe dem Thema Frauen in der Wirtschaft: „Der 18. März ist der Equal-pay-day, d.h., die Frauen haben die ersten zehn Wochen des Jahres umsonst gearbeitet, weil sie für die gleiche Arbeit auch in der Bundesrepublik nicht den gleichen Lohn erhalten. Hinzu kommen die frauen- bzw. männertypischen Berufsfelder, bei denen letztere i.d.R. besser bezahlt werden. Die Quote kann nur ein erster Schritt sein, das es so etwas geben muss weist auf sowohl strukturelle, als auch persönliche Probleme hin. Frauen müssen sich nach ihren Möglichkeiten strecken, aber leider trauen sich nicht alle Frauen, Strukturen zu verlassen oder sie auch nur in Frage zu stellen. Und dann gibt es ja noch die Erfahrung, dass Mädchen den Jungs in der Schule den Rang ablaufen, dieser Vorsprung auf dem Weg in die Berufe verloren geht, insbesondere bei den MINT-Berufen. Wenn öffentlich über Fachkräftemangel lamentiert wird und zeitgleich Ingenieurinnen schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, lernen wir daraus, dass wir hier noch einen weiten Weg vor uns haben. Ich prophezeihe, die Zukunft der Unternehmen hängt von ihrer Offenheit ab, junge Frauen auf allen Ebenen vorurteilsfrei zu integrieren.“
Für die nächste Zukunft plant Vera Wiehe einen Blog für OWL, in dem sie Vorbilder aus der Region vorstellen will. Auch möchte sie die Menschen noch mehr ermutigen, für ihre Rechte als Arbeitnehmer einzustehen.
Sofagespräch – Pit Clausen
Toller Auftakt der neuen Gesprächsreihe in Schildesche: Oberbürgermeister Pit Clausen im Gespräch mit Annika Pott von Radio Bielefeld.
Das Konzept der ‚Sofagespräche‘ wurde gemeinsam von AWO und BGW entwickelt und so skizzieren Sonja Heckmann (AWO) und Oliver Klingelberg (BGW) die Idee: alle acht Wochen wird eine Persönlichkeit auf dem Sofa Platz nehmen. Die Sofagespräche werden sich um das Thema Nachbarschaft im weitesten Sinne drehen. Was macht unser Zusammenleben aus, wie kann man Menschen zusammenbringen, Brücken zwischen ihnen schlagen. In diesem Sinne kommen die Persönlichkeiten zu den Menschen ins Quartier, stehen auch allen Zuhörern Frage und Antwort. Lernen Sie den Menschen auf dem Sofa aus einer persönlichen Perspektive kennen!
Mit den ersten Fragen versucht Annika Pott Pit Clausen als Person kennenzulernen. Die Zuhörer erfahren, dass er in Düsseldorf geboren wurde, in Hilden aufgewachsen ist und unbedingt in Bielefeld studieren wollte: „Bielefeld als Reform-Uni hatte ein 1-Phasen-Modell für das Jurastudium entwickelt, wir studierten in Trimestern und waren nach sechseinhalb Jahren inkl. Referendariat fertig – das war anstrengend, aber hat auch Spaß gemacht.“ Nach dem Jurastudium hat Pit Clausen in Bielefeld zwanzig Jahre als Arbeitsrichter gearbeitet. Seine Eltern charakterisiert er als eher streng, aber liebevoll: „Ich komme aus einfachen Verhältnissen, ich war der erste in der gesamten Verwandtschaft mit Abitur und der erste mit einem Studium. Meine Eltern haben mich immer bestärkt, nach dem Motto ‚hab keine Angst, mach Dein Ding‘.“ Pit Clausen hat einen Bruder, Jürgen, die beiden sind eineiige Zwillinge. „Wir sind uns so ähnlich, dass ich auf alten Fotos selbst mitunter nicht genau sagen kann, wer von uns da wo gesessen hat. Verstärkt wurde das, weil unsere Mutter alle unsere Klamotten immer doppelt gekauft hat und wir auch immer gleichzeitig die gleichen Hosen, Pullis etc. angezogen bekamen. Das konnten mein Bruder und ich erst mit Beginn der Pubertät beenden,“ beschreibt Pit Clausen seine frühe Jugend und lacht in der Erinnerung an diese Zeit. „In diesen Wochen haben mein Partner und ich meine Eltern hier nach Bielefeld geholt. Wir haben eine tolle Wohnung bei der Freien Scholle in einem Wohnprojekt nach dem Bielefelder Modell gefunden. Jetzt können wir uns um die beiden besser kümmern. Für mich habe ich noch keinen Plan für das Alter. Ich nehme jeden neuen Lebensabschnitt an und versuche das Beste daraus zu machen. Mein Arbeitsalltag ist zwar sehr durchgeplant, aber trotzdem sehr turbulent. Das schlägt auch auf unseren Zwei-Personen-Haushalt durch, wir haben ein völlig chaotisches Einkaufsverhalten! Ob sich das noch mal ändert …?“ Im übrigen hat sich Pit Clausen ganz bewusst für Schildesche entschieden: „Schildesche ist ein ganz besonderer Stadtteil. Fast alles ist fußläufig erreichbar, sowohl ins Stadtzentrum, als auch in das grüne Umland ist es nicht weit. Und wir haben mit unseren Nachbarn sehr viel Glück gehabt. Wir helfen einander, vertrauen einander und feiern miteinander. Nachbarschaft bedeutet für mich, Hilfe anbieten aber auch um Hilfe bitten.“
Thema Politik
„Zusammen mit fünf Kommilitonen bin ich 1983 in die SPD eingetreten, weil wir in zahllosen Diskussionen zu der Erkenntnis gelangt waren, dass man seine Position in der Gesellschaft finden und einnehmen sollte, sich einmischen und mitmachen. Zu Anfang waren wir bei den Jusos und machten Hochschulpolitik. Da hatte ich noch überhaupt keine Ahnung von Kommunalpolitik, wir debattierten über die ganz großen Fragen, Ost-Politik, NATO-Doppelbeschluss, Nachrüstung, Atomkraft und solche Sachen. Meine erste Kandidatur zum Rat folgte 1994, damals noch mit handgemalten Plakaten, mein Ortsverein hatte mich dazu überredet. Ich konnte das Mandat direkt gewinnen und wurde sozialpolitischer Sprecher der Ratsfraktion. Nach der nächsten Wahl schickte mich die Fraktion in den Jugendhilfe-Ausschuss, wieder eine Legislatur später wurde ich Fraktionsvorsitzender. Damit saß ich kommunalpolitisch in der ersten Reihe! 2004 die erste Kandidatur in der Direktwahl zum Oberbürgermeister mit 42 Jahren, mit nur 120 Stimmen Vorsprung gewann damals Amtsinhaber Eberhard David. Inzwischen bin ich seit acht Jahren OB dieser Stadt, aber es gab wirklich keinen Masterplan für den Weg hierhin, es hätte auch ganz anders kommen können.“
Arbeitsalltag Oberbürgermeister
Pit Clausen: „Jeder Tag ist anders. Schlicht, weil man einfach nicht vorherbestimmen kann, was in einer Stadt wie Bielefeld alles passiert und was die sofortige Reaktion des OB oder zumindest eine rasche Entscheidung erfordert. Natürlich gibt es eine Grobstruktur, z.B. der Montag ist der Gremientag, aber auch da muss ich mitunter fernbleiben. Zum Glück kann ich mich auf mein tolles Büroteam verlassen, das immer den Überblick behält. Jedes Jahr erreichen mich etwa 2.500 Terminanfragen oder nehmen wir die 5.000 Beschäftigten dieser Stadt mit der entsprechenden Zahl von Personalentscheidungen – ohne die Mitarbeiter*innen im Büro hätte ich da keine Chance. Mich trägt die Vorstellung, mit Visionen zu der Entwicklung unserer Stadtgesellschaft beizutragen. Ich möchte, dass wir Sachen in Bielefeld einfach besser machen. Daher begleite ich das politische Geschehen in dieser Stadt nicht nur, sondern versuche immer aufs Neue Impulse zu geben. Das gehört meinem Verständnis nach zu meiner Aufgabe als OB, mehr noch, ist ureigenster Teil meines Jobs.“
Der bekennende Hundefan ist in Begleitung von Scotty („der ist jetzt gerade acht Monate alt und sprüht nur so vor Energie“) zu Fuß zu der Veranstaltung gekommen. „Scotty hilft mir auch, bestimmte Zeiten tatsächlich von anderen Dingen frei zu halten. Wenn ich mit ihm unterwegs bin, kann ich neue Gedanken fassen, mich neu sammeln. Das gilt gerade auch für die halbe Stunde, die ich jeden Mittag mit ihm draußen bin. Diese halbe Stunde verteidige ich eisern!“
Urlaub heißt für Pit Clausen, Bielefeld zu verlassen. Daher die Antwort auf die letzte Frage von Annika Pott: Nordsee oder Nordpark? „Nordsee ist Urlaub, Nordpark ist Alltag“
summ, summ
... Ihr Blick schweift von der Fahrbahn von Ihnen zur Seite. In dem kleinen Seitenfenster zuckelt die Landschaft vorbei. Auf langen Halmen wiegt sich das Getreide im Wind, allenthalben von blauen und roten Punkten durchsetzt, Kornblumen, Klatschmohn. PATSCH! Ein fünfmarkstückgroßer Fleck mitten auf der Windschutzscheibe. Langsam ziehen Fäden aus der gelbgrünen Masse nach oben, bis der warme Fahrtwind sie ausgetrocknet hat ...
Sofern Sie in den sechziger, siebziger oder achtziger Jahren mit dem Auto über Land gefahren sind, war spätestens beim nächsten Tankstopp ein Familienmitglied damit beschäftigt, die Frontscheibe von unzähligen Insektenresten zu befreien, falls dies nicht vom Tankwart selbst erledigt wurde. Heute können Sie quer durch die Republik fahren und am Ende die Reste der bedauernswerten Kreaturen auf Ihrer Scheibe an einer Hand abzählen. Vorbei auch die Zeit, wo Sie einen freundlichen Radfahrer an den Fliegen zwischen den Zähnen erkennen konnten. Sie sind weg. Die Insekten. Seit vielen Jahren nimmt ihre Zahl beständig ab, in den wenigen Untersuchungen, die wissenschaftlichen Kriterien standhalten, zum Teil im erschreckenden Ausmaß (bis zu 70% und mehr).
„Es ist noch zu früh, einen eindeutigen Verursacher zu benennen, uns fehlt einfach mehr belastbares Zahlenmaterial,“ erklärt Dr. Isolde Wrazidlo, Direktorin des Namu in Bielefeld, „aber die Art und Weise, in der hierzulande überwiegend Landwirtschaft betrieben wird, steuert auf jeden Fall ein gerüttelt Maß zu der Lage bei.“ Eine eMail an Rita Rehring, Pressesprecherin des WLV (Westfälisch-Lippischer Landwirtschaftsverband), vor einigen Wochen. Frage: Wie unterstützt der WLV seine Mitgliedsbetriebe in dieser Sache, gibt es vielleicht schon Handreichungen dazu? Rita Rehring meldet sich per Autotelefon: „Also wir haben gerade am Wochenende eine ausgedehnte Fahrradtour unternommen und da waren reichlich Insekten in der Luft. Wenn es in einem Jahr mal weniger sind, hat das auch mit der kühlen Witterung zu tun. Überhaupt ist das ein Thema, was die NGOs (Nicht-Regierungsorganisationen) unnötig aufbauschen!“ Nun zählt das Bundesumweltministerium nicht gerade zu den NGOs, aber wenn ein landwirtschaftlicher Verband so mit einem Thema umgeht, kann man bestenfalls davon ausgehen, dass die Tragweite des Vorgangs nicht begriffen wurde.
Unterhält man sich mit einem Landwirt, der seinen Hof noch bewirtschaftet, so wird dieser einem sehr eindeutig nahebringen, dass er sich als selbständiger Unternehmer versteht, der seinen Betrieb am Ende des Tages erfolgreich durch das Jahr bringen muss. Völlig unstreitig wird jeder ihm zubilligen, dabei auch einen Gewinn zu erwirtschaften, der u.a. die kommenden Investitionen ermöglicht und auf lange Sicht den Betrieb, den Hof, schuldenfrei an die nächste Generation zu übergeben. Betriebswirtschaft ist daher in der Ausbildung junger Landwirte ein wichtiger Schwerpunkt. Leider tauchen Insekten in der BWA (Betriebswirtschaftliche Auswertung) nicht auf. Stattdessen schlagen grotesk niedrige Verbraucherpreise unmittelbar durch – das Pfund Hackfleisch zu zwei Euro, das Kilo Hähnchenschenkel zu etwas über einem Euro (Preise aus der Werbung vom 25.8.2017), denken wir überhaupt darüber nach, welchen Irrsinn wir damit befördern?
Bislang konnten Landwirte immer darauf hoffen, dass für die entstehenden Probleme technische Lösungen gefunden wurden. Als die Traktoren die verdichteten Böden nicht mehr bearbeiten konnten, wurden die Schlepper immer stärker und größer. Mit den heutigen Spitzenmodellen ließe sich wahrscheinlich problemlos eine Furche in einen Braunkohleflöz ziehen. Immer neue Herbizide hielten die Wildkräuter auf Distanz, andere Biozide verdrängten die Schimmelpilze, z.B. den schwarzen Rost. Letzterer breitet sich inzwischen im Mittelmeerraum in einer Variante aus, die resistent gegen alle derzeit bekannten Gifte ist. Der inzwischen multiresistente Ackerfuchsschwanz sorgt dafür, dass auf einigen Flächen in Deutschland der Getreideanbau eingestellt werden mußte (Die Zeit 30/2017). Hier geht auch nicht das Motto „viel hilft viel“, dessen Anwendung beim Einsatz eines Totalherbizids für die Rekultivierung einer Brache für den Maisanbau im vergangenen Jahr die Nachtigallpopulation in der unteren Johannisbachaue ausgelöscht hat.
Und jetzt die Insekten. Deren Verschwinden bringt nicht nur Vögel, Fledermäuse, Frösche und zahlreiche weitere Tierarten in unmittelbare Bedrängnis, auch uns wird es treffen, zuallererst die Landwirtschaft. In China existieren bereits Landstriche, in denen die Bestäubung der Nutzpflanzen durch Erntehelfer vorgenommen wird. Soll es hierzulande soweit kommen?
Eine verpflichtende Umstellung des konventionellen auf einen biologischen Landbau erscheint uns illusorisch. Das mag auch so sein. Aber es gibt gangbare Wege, jetzt und sofort zu handeln, selbst wenn diese das Problem nicht gänzlich lösen werden. Vor gut 25 Jahren hat die Stadt Bielefeld ein sog. „Ackerrandstreifen-Programm“ initiiert. Dies hatte zwar vordergründig den Erhalt von Ackerwildkräutern zum Ziel, der Nebeneffekt einer besonders vielfältigen Insektenfauna wurde jedoch schon seinerzeit beschrieben. Blühstreifen-Programme gibt es heute immer noch, es machen jedoch zu wenig Landwirte mit. Warum ist die Sache mit den Insekten eigentlich so wichtig? Weil zwei Drittel der hundert wichtigsten Nutzpflanzen von der Bestäubung durch Insekten abhängig sind. Und weil wir immer noch weit davon entfernt sind zu verstehen, welche komplexen Auswirkungen die vorsätzliche Zerstörung gewachsener Ökosysteme haben wird.
Monokulturen, Insektizide, insbesondere Neonicotinoide, das Verschwinden von Auen und Feuchtwiesen, die zunehmende Rekultivierung ehemaliger Grünbachen, möglicherweise erste Auswirkungen des Klimawandels und noch andere Faktoren – alles zusammen ruiniert unsere Insektenfauna. Allen gemeinsam ist, dass menschliches Handeln ursächlich ist. Also ist es an uns, dies zu ändern.
Die landwirtschaftlichen Verbände betonen, dass an der derzeitigen Form der landwirtschaftlichen Produktion kein Weg vorbei führt. Stimmt das?  Wir stimmen jeden Tag an der Fleisch- und Gemüsetheke darüber ab. Wir bestimmen alle paar Jahre mit der Zusammensetzung von Gemeinderäten und Parlamenten über den voraussichtlichen Weg dieser Gesellschaft für die nächsten Jahre, ein Blick nach Düsseldorf kann einen in dieser Hinsicht zur Verzweiflung treiben. Beim Klimawandel haben wir den Point of no return in einzelnen Bereichen bereits überschritten. Die Auswirkungen werden unsere Kinder und Enkel im Sinne des Wortes „ausbaden“ müssen. Die Auswirkungen eines weiterhin ungebremsten Insektensterbens werden wir noch selber bezahlen dürfen, ebenso wie die immer teurere Reinigung unseres Trinkwassers von Düngemittelresten. Aber das ist eine andere Geschichte.
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